Bachelor für das Lehramt

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon, wo die Bastelei an der Ausbildung unserer zukünftigen Lehrer noch hinführen soll. Versuchen wir einmal, das Chaos zu schildern, und vielleicht Auswege anzubieten.

Zuerst einmal kommt mir die Umwandlung des Studiums in ein modularisiertes Prüfungsstakkato bei gleichzeitiger Beibehaltung des Staatsexamens wie Gasgeben mit angezogener Handbremse vor. Die resultierende Doppelprüferei haben Studenten und Dozenten dann auszubaden. Als einer, dessen Staatsexamensthema gerade 240 mal gewählt wurde, weiß ich, wovon ich spreche. Soviel Realitätssinn sollte man doch haben, dass man nicht in jedem Semester 6 Prüfungen verlangen kann, von denen der Student alle – ich wiederhole: alle –  bestehen soll, und dann noch eine finale schriftliche Prüfung zur „Qualitätssicherung“, wie das Ministerium es ausdrückt, obendrauf sattelt.

Natürlich ist die Belastung der Studenten auch viel zu hoch. Die Studienordnung für Schulpsychologie, ein Fach, das sich bei uns als Lehrfach wählen lässt, fordert unglaubliche 26 Module im Laufe des Studiums. In Mathematik sind es immerhin noch stolze 14, von denen allerdings 5 in Vorlesungen mit 10 CP erworben werden, also doppelt zählen. Dazu kommen 12 Module in Pädagogik und Didaktik. Es gibt allerdings einige Module, die im Paket abgeprüft werden, meist jedoch mit Teilprüfungen in jedem einzelnen Modul, und das heißt in jedem Semester. Und wie gesagt, ohne Pardon werden hier alle Scheine als bestanden verlangt und ihre Noten gehen in die Endnote ein.

Einen weiteren großen Beitrag zum Chaos leisten die Univerwaltungen und deren Juristen. Die Studenten müssen dedizierte Anmeldungsfristen für jede Veranstaltung und noch eine Frist für die zugehörige Prüfung einhalten. Die Klausur und deren Korrektur sind ebenfalls mit Fristen geregelt. Die Veranstaltungen finden in ausgetüftelten Zeitkorridoren statt, um die Studierbarkeit aller Fächerkombinationen, die im Lehramt möglich sind sicherzustellen, von montags früh um 8 bis Freitags spät in den Nachmittag. Wegen der offensichtlichen Unzulänglichkeiten einer solchen Zeitplanung gibt es sowohl lange Sitzungen, wie riesige Leerzeiten, abgesehen von der Unzumutbarkeit, schwierige Mathematik dienstags abends von 18-20 Uhr aufzunehmen. Jede Veranstaltung beruht auf einer Modulbeschreibung, die offiziellen Charakter hat und also aufwändig ausgearbeitet, und juristisch begutachtet werden muss. Im gefühlten Jahresrhythmus gibt es Änderungen am gesamten Prozedere, was Sitzungen und Komissionen nötig macht. Als Drohung für all diese Zumutungen steht stets die Akkreditierung im Raum – wahrscheinlich eine leere Drohung, da die Kosten dafür immens wären.

Als weiterer Agitator treten „Reformer“ auf, die mit verschiedener Zielrichtung an der Lehrerausbildung herumbasteln. Eine beliebte Idee ist der „polyvalente Abschluss“. Das heißt, der Lehramtsanwärter soll gleichzeitig zum obigen Chaos noch berufsqualifizierend ausgebildet werden. Dies soll einen Ausstieg ermöglichen, wenn sich ein Bewerber als ungeeignet für den Lehrerberuf erweisen solle. Mit dieser Idee anfreunden wird sich auch, wer mehr „Praxisbezug“ in der Ausbildung der Lehrer fordert. Als Folge werden Studiengänge konstruiert, die neben dem Staatsexamen noch einen weiteren Abschluss oder zwei vorsehen, etwa eine „geschenkten“ Bachelor und einen Master mit einigen Zusatzmodulen. Auch diese Dinge müssen übrigens planerisch in das bestehende Chaos eingeflochten werden. Die entsprechenden Stäbe wachsen jetzt schon immer weiter an.

Von Seiten der Pädagogen kommt eine andere Idee, die auch von Didaktikern und von Teilen des Ministeriums favorisiert wird : Der Lehramtskandidat soll gleich von Anfang an berufsnah ausgebildet werden. Das bedeutet im Wesentlichen Schulpraktika vom ersten Semester an, sowie eine Stärkung der pädagogischen Studieninhalte, und auch der Didaktik. Es muss hier wohl nicht mehr erwähnt werden, dass Praktika ein Planungshindernis größeren Ausmaßes darstellen. Praktika bedeuten, dass der Student entweder einen halben Tag in der Woche nicht in der Uni sein kann, oder dass er seine Semesterferien, also das Geldverdienen und das Vorbereiten der Prüfungen, dafür opfern muss. Übrigens müssen auch die Hochschuldidaktiker diese Praktika begleiten, was deren Arbeitsbelastung ausweitet.

Alle diese Dinge, und ein paar mehr, die ich verdrängt habe, führen zu einer Mehrung von Schwierigkeiten und zu unlösbaren Zielkonflikten bei der Planung des Studienablaufs. Was kann man tun?

Ich frage mich nun schon seit einer Weile, warum wir nicht die unbeliebte Bologna-Reform einmal zum Guten nutzen. Diese Reform stellt sich mir im Wesentlichen wie eine Verschulung des Studiums mit klaren Studiereinheiten dar. Als kleinste Einheit gibt es nun das Modul, das einen begrenzten Stoffumfang mit abschließender Prüfung behandelt. Aus diesen Modulen wird der Bachelor zusammen gesetzt, also ein Kurzstudium, das in das Fach einführt, aber schon berufsrelevante Teile enthalten soll. Der Master ist eine optionale Zusatzqualifikation. Vergleicht man das mit dem Diplom mit seinen nicht abgeprüften Vorlesungen und seinen Abschlussprüfungen, viele davon mündlich, so wird das Ausmaß der Strukturierung klar, die Bologna uns gebracht hat. Nehmen wir das einfach mal als gegeben.

Als zweites Problem steht im Raum, dass wir geeignete Lehrer auswählen müssen, was nur in der Unterrichtssituation, also in der Praxis, geschehen kann. Die Forderung nach Praktika, in denen sich Anwärter bewähren und prüfen können, ist ja so unvernünftig nicht.

Wenn das so ist, so gibt es einen logischen Ausweg, die ich hier bewerbe:

Man nutzt die erste Phase der Ausbildung, also den Bachelor, für ein berufsqualifizierendes Fachstudium, und bildet erst im darauf folgenden Masterstudium zum Lehrer aus. Die Studenten erwerben insgesamt also einen Bachelor of Science oder Arts in ihrem Fach, und zusätzlich einen Master of Education.

Lassen Sie mich zunächst von den Vorteilen einer solchen Lehramtsausbildung schwärmen. Als erstes ergäbe sich eine klare Reduktion des Chaos, das durch das parallele Bedienen von Lehramts- und Fachstudenten zeitlich und inhaltlich entsteht. Es machen einfach alle am Anfang dasselbe.

Zweitens zieht mich daran an, dass der Lehrer wieder Fachmann wäre, zumindest im begrenzten Umfang des Bachelor, und auch dieses Fachmann-Sein bescheinigt bekommt. Er muss dann auch nicht unbedingt mehr Lehrer werden. Er kann sich nach dem Bachelor, eventuell nach einem Praktikum in den Ferien, auch gegen den Lehrerberuf entscheiden. Das bedeutet für mich weniger Lehrer, die das Studium mangels besserer Alternativen durchziehen. Für mich ist der Beruf des Lehrerseiner der Berufe, für die man sich wirklich aus Überzeugung entscheiden sollte.

Mein stärkstes Argument für einen Fachbachelor ist, dass ich das aufbrechen will, was ich „die kulturelle Inzucht“ der Schule nenne. Die zukünftigen Lehrer gehen von der Schule ab, studieren Lehrer, und werden Lehrer. Das Fachstudium wird mehr als störendes Intermezzo empfunden, als Ausblick in die Welt der Wissenschaft. Die dort verwendeten Begriffe und Methoden werden im Referendariat allzu oft sofort als unvermittelbar über Bord geworfen. Die Schule von gestern gebiert die Schule von morgen.

Es gibt allerdings auch Probleme. Das größte Hindernis bei dieser Reform wäre der in vielen Bundesländern favorisierte „Zweifachlehrer“. Viele Fächerkombinationen entsprechen den Anforderungen der Praxis, viele aber auch nicht. Mathematik mit Wirtschaft, Physik oder Informatik sind natürliche Kombinationen, Mathematik mit Religionslehre ist das nicht. Aber auch hier gibt es Auswege. Zum einen könnte die Wirtschaft umdenken, und auch exotische Fächerkombination im Sinne eines umfassenden „Bildungsbegriffs“ akzeptieren lernen. Zum anderen könnte man in den Fächern, die sich nur für das Lehramt kombinieren lassen, den Einfachlehrer (Ein-Fach-Lehrer) zulassen. Warum soll es nicht reine Sportlehrer geben, so wie heute schon den Musiklehrer? Außerdem wäre es auch möglich, das andere Fach im Rahmen des Masterstudiums zumindest für den Unterstufenunterricht auszubauen.

Vielleicht trägt dieser Blogeintrag irgend etwas zu einer echten Neuorientierung und Vereinfachung der Lehrerbildung bei. Ich fürchte allerdings, dass das nicht der Fall sein wird. Leider ist Bildungspolitik mehr als jedes andere Politikfeld ein Bohren dicker Bretter.

Ein Gedanke zu „Bachelor für das Lehramt

  1. Ulrich Kortenkamp

    Ja, das sind dicke Bretter. Aber den Ein-Fach-Lehrer halte ich für eine hervorragende Sache; in anderen Ländern ist das üblich. In Deutschland muss man halt alles – dafür aber nur oberflächlich – können.

    Antworten

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