Die Kalte Progression

Ich habe darüber schon einmal geschrieben, muss aber immer wieder völlig falsche Berechnung in der Presse lesen.

Die kalte Progression ist einfach folgendes Phänomen: Wenn durch eine Inflation von 1% die Löhne um 1% steigen, dann steigen die staatlichen Einnahmen aus der Steuer für Löhne nicht um 1%, sondern um etwas mehr als 1%. Verlässliche Zahlen habe ich dazu nicht gefunden, aber es dürften etwa 1,5% sein. Über die Jahre hinweg addiert sich das natürlich. Diese addierten Summen werden als Verluste der Arbeitnehmer dargestellt, zumindest von Kreisen, die den Staat nur als Kostenfaktor betrachten.

Um ein konkretes Beispiel zu machen. Bei einem Gehalt von 40000 zu versteuernden Euro zahlt man etwa 22% Steuer. Steigt das Gehalt zum Inflationsausgleich um 1%, so steigt die Steuer in der Tat um 1,6%. In der Summe sind das etwa 50€ mehr als wenn die Steuer nur um 1% steigen würde. Die Ursache dafür ist, dass der Steuersatz 22% beträgt, der Grenzsteuersatz, der die Belastung von Gehaltszuwächsen angibt, aber stolze 36%. Dieser Unterschied ist bei einem progressiven Steuersystem mit Freibeträgen mathematisch unausweichlich. Ein Basteln am prinzipiellen Aufbau des Steuersystems kann daran nichts ändern.

Das einfache Gegenmittel gegen diese Progression aufgrund von Inflationsausgleichen (kalte Progression) ist eine Anpassung der Steuersätze in regelmäßigen Abständen unter Berücksichtigung der Gehaltsentwicklung. In anderen Ländern wird das im Abstand von ein zwei Jahren auch gemacht. In Deutschland liegen die Anpassungen weiter auseinander. Meist sind sie auch nicht durch die Gehaltsentwicklung motiviert, sondern sie verfolgen andere Ziele, wie etwa eine „Entlastung der Bürger“. Tatsächlich gibt es aber hier sehr wohl eine Anpassung. Es ist unredlich, die Mehrbelastungen über viele Jahre hinaus aufzuaddieren.

Einige Fakten sind in diesem Zusammenhang zu beachten. Die staatlichen Einnahmen bestehen nicht nur aus Löhnen. Die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer sind inzwischen höher. Diese Einnahmen steigen nur im Takt der Inflation.

Außerdem hinken in Deutschland die Gehaltsentwicklungen der Inflation etwas hinterher, insbesondere im unteren Gehaltssegment. Man müsste eigentlich bei der jährlichen Anpassung der Steuersätze diese Unterschiede berücksichtigen. Ich fürchte aber, dass einfach die Inflationsrate genommen wird, wodurch Arbeitnehmer, die keine Gehaltssteigerung erfahren durften, mehr Steuer als vorher bezahlen müssten.

09. Dezember 2014 von mga010
Kategorien: Deutsch | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. „Kalte Progression“ klingt für die Mehrheit gefährlich, man denkt möglicherweise an das Verlorensein in der kalten Arktis und ihren Eisbergen und hat Angst vor Lohnerhöhungen. Deswegen war es ein willkommenes Wahlkampfthema mit eigentlich einer hier dargestellten simplen Lösung. Leider wird es von der Regierung thematisch nicht aufgegriffen, da es den Bürger entlasten und die Einnahmen des Staatshaushaltes verringern würde (Thema: Schwarze Null). Stattdessen wird an der Maut gewerkelt. Hier kann sich ja jeder an fünf Fingern abzählen, dass die Maut eingeführt, aber die „Entlastung der deutschen Bürger“ über die KFZ-Steuer nicht stattfinden wird, weil die EU das nicht zulässt.

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