Homöopathie

Normalerweise vermeide ich hier sachfremde Themen, vor allem so spaltende Themen wie die Homöopathie. Allerdings habe ich vor Jahren eine Abschlussarbeit eines Institutes in der Nähe von Karlsruhe  in die Hände bekommen, die mit absurden statistischen Methoden die Wirksamkeit von Homöopathie nachgewiesen hat. Es wurde auch wirklich eine Doppelblindstudie durchgeführt. Am Ende aber wurde alles durch eine irrwitzige statistische Auswertung ins Gegenteil verdreht. Und schon haben wir einen Bezug zur Mathematik.

Wahrscheinlich erwarten Sie nun ein genaues Zitat von mir. Damit kann ich leider nicht mehr dienen, da ich damals die Arbeit milde lächelnd, und ohne eine Kopie anzufertigen, an die ausleihende Bibliothek zurückgesandt habe. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ohnehin nicht mehr nötig, sich damit zu beschäftigen. Denn sowohl die Wirksamkeit des Placebo-Effekts der Homöopathie, als auch die Unwirksamkeit des behaupteten Wirkmechanismus sind ausreichend belegt.

Der Anlass dieses Blogs ist auch eine Meldung in der Zeitung, nach der am Klinikum Neuburg und im Perinatalzentrum des Klinikums Ingolstadt nun Homöopathie bei Frühgeborenen eingesetzt wird, und zwar bei „Verdauungsproblemen“, „Krampfanfällen von Babys starker Raucher und Drogenabhängiger“, sogar bei „Hirnblutungen, die sonst nicht behandelt werden können“. Ich bitte doch!

Die Homöopathie hilft! Man muss die Behandlung nur solange fortsetzen, bis die Beschwerden vorbei sind.

Nachtrag

Nach einer Diskussion, und nachdem ich ein wenig mehr darüber nachgedacht habe, gibt es hier doch noch etwas zu sagen. Vielleicht sollten alle Ärzte, die nun auf eigenen Entschluss oder auf Patientenwillen hin zu Homöopathen geworden sind, einmal die folgenden Punkte bedenken.

(1) Die Angst vor der Schulmedizin. Schon heute ist, geschürt durch Pressemitteilungen, die Angst vor der „Schulmedizin“ bei Patienten latent oder auch ausgeprägt vorhanden. Impfungen, Antibiotika, Operationen, Krebstherapien, alles kommt ins Gerede und wird zuerst einmal angezweifelt. Kritische Einstellung ist gut, aber man muss dabei auch noch in der Lage sein, rational zu handeln. Der Arzt, der sich „alternative Medizin“ auf die Fahnen schreibt, befördert diese Einstellungen und Ängste. Im Fall, dass nun wirklich auch aus seiner Sicht eine schulmäßige Behandlung notwendig ist, sieht er sich mit einem „Displacebo-Effekt“ konfrontiert, der die Heilung durchaus behindern kann. Therapeutisch sinnvolle, und für eine Lebensqualität in kritischen Lagen sinnvolle Schmerztherapien werden zum Beispiel dann aus Angst heraus abgelehnt.

(2) Verdrängung. Die Konzentration auf alternative Methoden führt dazu, dass die wirklichen Ursachen verdrängt werden. Das geht schon bei den Schnäpsen nach dem fetten Essen los, geht über Globuli gegen Reisekrankheit weiter, und endet bei Akupunktur gegen Rückenbeschwerden. Statt einer Rezeptblockpraxis, egal ob alternativ oder pharmazeutisch, sollte ein Arzt Berater und Sachverständiger werden, und zwar für Dinge wie Hygiene (zum Beispiel Intimhygiene), Physiotherapie, Stress, Ernährung. Die Konzentration in der Praxis auf die Aufklärung über solche Dinge scheint mir erfolgversprechender als die Verabreichung von Placebos. Dazu braucht man aber Zeit und vor allem einen rational funktionierenden Sachverstand.

(3) Glaube an die Allmacht des Geistes. Den Ärzten gefällt es natürlich, wenn sie allein durch Handauflegen heilen können, und ihnen die Patienten an den Lippen hängen. Begierig nehmen die Menschen alle Berichte in Journalen und in Fernsehen über „altes Wissen“ auf, mit dem jede Krankheit geheilt werden kann, das aber die Schulmedizin und die Pharmaindustrie nicht zulassen will. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Akzeptanz gegenüber Krankheit als Gegenpol zur Gesundheit, Tod als Gegenpol zum Leben. Der Patient glaubt gerne, dass mit den alternativen Mitteln alles beherrschbar wird. Damit übersieht er die durchaus vorhandenen rationalen Mittel, die seine Krankheit lindern könnten. Und er tendiert dazu, nicht bereit zu sein, die Krankheit ausheilen zu lassen. In jedem Fall wird er blind für die wirklichen Vorgänge während einer Krankheit.

(4) Esoterik ersetzt Medizin. Das größte und schlimmste Problem beginnt aber, wenn der Arzt selber beginnt, die alternativen Methoden über sein professionelles Wissen zu stellen. Das ist dann der Fall, wenn er mehr Mitteilungsblätter der alternativen Szene liest als medizinische Fachjournale. Verstärkt sich das, so ist er wirklich in Gefahr, ernste Fehler zu begehen. Bei manchen Krankheiten ist ein „versuchen wir erst mal“ nicht die richtige Herangehensweise. Irrationalität macht eben vor allem eines – nämlich irrational.

23. September 2010 von mga010
Kategorien: Uncategorized | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Ich kann dem nicht ganz folgen. Der Erfolg der Homöopathie ist mehr, dass der Homöopath im Vergleich zum klassischen Mediziner sich Zeit für die Diagnose und den Patienten nimmt. Ein verantwortungsvoller Homöopath wird dann auch bei akuten Erkrankungen „Standartmedikamente“ benutzen. Zumindest macht das mein Homöopath so, dabei vermeidet er Dank vernünftiger Diagnose die Gabe von nicht passenden Medikamenten.

    • Dass du meiner Argumentation nicht folgen kannst, ist schade. Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt?

      In Punkt (2) habe ich versucht auszudrücken, dass Beratung wichtig ist. Meiner Überzeugung nach sollte sie öfter ohne Rezept enden. Ich sehe da keinen Zusammenhang mit der Diskussion um Homöopathie. Placebos sollten nach meiner Überzeugung nicht eingesetzt werden, um dem Patienten zu suggerieren, dass man was tut, wenn in Wirklichkeit überhaupt keine Notwendigkeit einer Maßnahme besteht. Sowas ist unethisch, weil es den Patienten mit einer Lüge abhängig macht.

  2. Das Problem dabei ist die Bezahlung durch die Krankenkassen. Man bekommt nur einen festen Satz pro Patient im Quartal, egal wie viel Zeit man ihm gewidmet hat, und dieser ist nicht allzu hoch. Mit homöopathischer Beratung/Behandlung verdient man mehr, und hat (deswegen) die Zeit.
    Entweder man nimmt sich für jeden Patienten viel Zeit und berät ihn umfassend (und geht pleite), oder man bietet ihm Placebos an, schreibt Homöopathie drauf und rechnet das entsprechend mit der Kasse ab. Und kann den Patienten normal Diagnostizieren, beraten usw. den dann hat man ja Zeit.
    Oder man lässt sich nicht auf solche moralisch zweifelhaften Praktiken ein und dann hat man leider nunmal wenig Zeit, in der man die wissenschaftlich belegten Therapiekonzepte anwendet.

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