Lügen mit Zahlen

Ich lese gerade „Lügen mit Zahlen“ von Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, und amüsiere mich sehr. Man wird regelrecht immunisiert gegen ungenaue statistische Aussagen und deren tendenziöse Darstellung in Diagrammen.

Dazu passt ein Bericht in der heutigen Morgenzeitung: „Unfälle für Dicke gefährlich!“ Mal abgesehen davon, dass Unfälle für alle gefährlich sind, erscheint mir die im Bericht zitierte Untersuchung doch mehr als zweifelhaft. Vermutlich handelt es sich um einen jener Agenturmeldungen, die ihre Runde unreflektiert durch alle Zeitungen machen. Als Quelle wird die „Apothekenrundschau“ angegeben. Das ist dieselbe Zeitschrift, die ab und an für Bachblüten wirbt. Eine Version des Berichtes steht auch hier. Die Originalstudie konnte ich nicht finden.

Die Aussage ist, dass sich bei ein BMI (body mass index) von über 35 die „Todesrate“ um 21% „steigert“. Bei über 40 sollen es 56% sein. Ein leichtes Übergewicht (25 bis 29) scheine dagegen von Vorteil zu sein. Erklärt wird dies mit dem Bauch als Schutzschild um größere Verletzungen abzuwenden. Untersucht wurden 155000 Verkehrstote in den USA. Ob die Empfehlung nun lautet, zuzunehmen, stand nicht im Artikel. Im oben zitierten Link wird gefordert, die Sicherheitssysteme in Autos für Dicke anzupassen.

Das sieht ja erst mal alles sehr ordentlich aus, mit soliden Zahlen, und einer klaren Klassifizierung. Aber wie kamen diese Zahlen eigentlich zustande?

Offenbar wird in den USA ein Register mit Verkehrstoten geführt, bei dem Gewicht und Größe festgehalten werden. Mag sein – obwohl mir das merkwürdig vorkommt. Danach kann man die Toten in Gewichtsklassen aufteilen und bekommt absolute Zahlen in jeder Klasse. Gehen wir mal davon aus, dass die Autoren nicht so dämlich waren, die 21% durch das Verhältnis von übergewichtigen zu schlanken Toten zu ermitteln. Dann hat man das Problem, wie man den Anteil übergewichtiger Fahrer an den Verkehrsunfällen ermittelt. Denn schließlich lautet die Aussage ja, dass Unfälle für Dicke gefährlicher sind, nicht das Autofahren an sich. Ich glaube kaum, dass die Versicherungen solche Statistiken führen.

Nehmen wir also an, dass die Anteil der Übergewichtigen an den Verkehrstoten mit der Gesamtrate in der Bevölkerung verglichen wurde. Dann ergibt sich aber ein weiteres statistisches Problem. Die Todesrate bei Unfällen hängt nämlich entscheidend vom Fahrer und seinem Verhalten, etwa seinem Alkoholkonsum oder seiner Risikobereitschaft ab, sowie von der Fahrleistung pro Jahr, und nicht zuletzt auch vom Autotyp.

Außerdem hängt das Gewicht in den USA stark von der Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsschicht ab. Grob gesagt sind arme Leute dicker. Diese Menschen fahren tendenziell einfachere Autos mit weniger Knautschzone. Und die upper middle class tendiert dazu, nur leicht übergewichtig zu sein, etwa genau im BMI-Bereich von 30-35. Das sind dieselben Menschen, die große, komfortable und sichere Autos mit optimalen Rückhaltesystemen fahren.

Wenn man darüber nachdenkt, fallen einem auch noch medizinische Gründe ein, warum Dicke eher nach einem Verkehrsunfall sterben. Sie sind zum Beispiel tendenziell älter, haben öfter chronische Krankheiten, und sind daher traumatisch weniger belastbar.

Kurz gesagt, es sind eine Reihe von Erklärungen für die Beobachtung denkbar, dass Übergewichtige bei Unfällen öfter sterben. Es muss nicht unbedingt daran liegen, dass die Sicherheitssysteme in Autos nur für Normalgewicht geeignet wären.

Damit genug. Man wird eben skeptisch, wenn man mal auf die Seltsamkeiten von Statistiken hingewiesen wurde.

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