Wie funktioniert Mathematik?

Ich kam kürzlich auf einen Blogeintrag von „Halbtagsblog“ über das Mathematik. Dort wird ein Bild gezeigt, dessen Inhalt man erst nach geraumer Zeit erkennt, weil er durch eine Schwarz/Weiß-Filter verfremdet ist. Die meisten sehen das Dargestellte erst, nachdem man Ihnen gesagt hat, wonach sie suchen sollen. Der Blog ist auch ansonsten ganz interessant, insbesondere für einen, der die Früchte des Schulunterrichts vor sich sitzen sieht.

Ist Mathematik wie das Erkennen von Mustern in scheinbarer Unordnung? Der Gedanke wirkt verlockend. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass beides Beharrlichkeit und Geduld (engl. persistence) erfordert. Er scheint auch zu erklären, warum manche in Mathematik talentierter sind als andere. Sie haben einfach das bessere Auge. Was mir daran gefällt ist, dass es somit möglich erscheint, durch Wiederholung und mit der Zeit Erfolge in Mathematik zu erzielen. Das ist ohne Zweifel ein guter und positiver Gedanke.

Dennoch möchte ich widersprechen. Beharrlichkeit und Geduld sind nämlich für alles Lernen notwendig. Das gilt für das Tennisspielen oder den Spracherwerb ebenso wie für das Trompete Blasen. Damit wird es als Leitfaden speziell für die Mathematik untauglich. Eigentlich ist es insgesamt zu sehr eine Binsenweisheit als dass es nützlich wäre. Die Weisheit von Hollywood-Filmen „You can reach everything you really want!“ ist schon zweifelhaft.  Als didaktische Richtschnur für Mathematik hilft sie nicht viel.

In Wahrheit ist Mathematik eine Sammlung von Techniken, mit denen wir versuchen, die Welt zu erklären. Dieses Grundmuster beginnt beim 1,2,3-Zählen und zieht sich bis zur Quantenmechanik. Wir bauen dabei immer auf dem auf, was wir von den Alten übernommen haben. Beharrlichkeit und Geduld, gewürzt mit ein wenig Kreativität, helfen uns, neue Möglichkeiten zu entdecken. Dadurch entwickelt sich die Mathematik fort. Die besten Mathematiker sind die, die das umfassenste Wissen auf ihrem Spezialgebiet mitbringen, gepaart mit dem Drang, dieses Wissen auf Neues anzuwenden und anzupassen. Bloses Warten auf einen Einfall hilft meist überhaupt nichts.

Für den Lehrer bedeutet das, das er Mathematik als Technik darstellen soll, mit der man etwas anfangen kann. Wenn das nicht gelingt, verlieren die Schüler das Interesse. Oder, besser gesagt, das Interesse beschränkt sich auf das in den Tests Benötigte.

Was aber kann man mit der Mathematik anfangen? Hier sind wir bei der entscheidenden Frage für einen guten Unterricht. In einem Mathe-Wettbewerb zu brillieren oder später selber Lehrer zu werden, kann nur eine Teilantwort auf diese Frage sein. Ich habe an anderer Stelle so viel über Mathematik versus Welt geschrieben, dass ich hier nicht darauf eingehe. Aber ein Lehrer, der darauf keine überzeugte Antwort zu geben weiß, wird niemals ein guter Lehrer.

20. Dezember 2018 von mga010
Kategorien: Uncategorized | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Vielen Dank für das Wahrnehmen.
    Ich möchte zwei Punkte ansprechen: Natürlich stimmt es – das Bild taugt nicht nur für die Mathematik, sondern grundsätzlich für alles Lernen. Das ist – aus der Perspektive eines Bildungsbürgers – eine Binsenweisheit, für viele Kinder jedoch nicht. „Lernen lernen“ als Stichwort steckt dahinter. Frust aushalten. Dran bleiben. Das sind Kompetenzen, die in der Schule erst gelernt werden müssen.

    Außerdem: Von „Was kann man mit der Mathematik anfangen?“ bis zu „guter Lehrer“. Auch hier bitte die nicht die Perspektive verlieren: Viele Erwachsene (z.B. Sie) bemerken, dass sie in ihrem Leben nie wieder Latein benötigt haben. Gleiches gilt für die Mathematik. Wozu zu Mathematik nützt ist oft sehr abstrakt und besonders in den mittleren Jahrgängen völlig außerhalb der Lebenswelt der Kinder. Wer muss den beruflich Gleichungen lösen oder Euklidische Geometrie beherrschen? Manchmal darf man sich auch lösen vom Gedanken: „Alles, was wir machen ist nützlich und nur darum machen wir es!“

    • Danke für den Kommentar!

      Aber wir haben hier genau das Problem angepinnt: Die Schule lehrt „Frust aushalten“. Statt dessen sollte sie „Welt verstehen“ lehren. Und es gibt so viele Anwendungen für Mathematik, an die man in der Schule anknüpfen könnte. Lehrer erzählen mir immer, dass das nicht geht, weil die Schüler die Basics nicht beherrschen. Also erst mal viele, viele lineare Gleichungen lösen, bevor wir das auf lineare Bewegungen anwenden? Nein, beides. Das eine ist Motivation, das andere die nötige Technik.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.